So liefen der Santander-Marathon Mönchengladbach und der Rhein-Ruhr-Marathon Duisburg 2016

Am Samstag sollte er endlich stattfinden, der erste Marathon durch Mönchengladbach seit über 30 Jahren und gleichzeitig so etwas wie eine Art „Heimspiel“-Marathon für mich. Ich machte mich kurz nach 14 Uhr auf den Weg nach Mönchengladbach und erwartete ein Chaos, da mich kurz vorher noch auf Facebook die Nachricht erreichte, dass die Parkmöglichkeiten kurzfristig von P8 auf P4 verlegt wurden. Aber dank meiner Ortskenntnis und freundlicher Helfer blieb mein persönliches Chaos aus.

Auf der „Eventfläche“ angekommen, machte sich erste Ernüchterung breit. Ich registrierte Würstchenbuden, noch mehr Würstchenbuden, Hüpfburgen – aber wo zum Teufel gab es Startnummern? Ah, okay. Das kleine weiße Zelt da hinten. Direkt mal hingehen. Freundlich und schnell wurde meine Startnummer ausgehändigt und ich konnte mich auch schon umziehen und den Kleiderbeutel abgeben. Am Stand der Barmer unterhielt ich mich gerade mit Bekannten, als sich das Wetter schlagartig änderte und es auf einmal wie aus Kübeln goss und blitzte und donnerte. Nach einer Viertelstunde war der Spuk zwar vorbei, aber so richtig „Entwarnung“ wollte niemand geben. Das, was sich am Himmel abspielte, sah einfach nicht vertrauenserweckend aus.

Der anstehende Bambini-Lauf, es wäre der Erste an diesem Tag gewesen, wurde daraufhin erst einmal verschoben. Rund eine halbe Stunde später wurden dann alle Läufer vor die Veranstaltungsbühne gebeten. Ungewöhnlich, aber hey – es ist doch der erste Lauf. Vielleicht will der Bürgermeister ja noch ein paar Worte los werden. Ich war jedenfalls immer noch optimistisch, um 17 Uhr in Mönchengladbach an den Start zu gehen. Bis Organisator Micky Hilgers dann die Hiobsbotschaft überbrachte: „Die Veranstaltung wird abgesagt.“

Neben mir stand plötzlich Herbert, ein Vereinskamerad, der meine Fassungslosigkeit zur Kenntnis nahm und ein paar tröstende Worte fand. Aber die Absage war richtig. Unter den Teilnehmern hörte ich nur verständnisvolle Worte. Und während sich dieser Film vor mir abspielte und alle irgendwie ihren Heimweg antraten, erinnerte ich mich daran, das es am kommenden Tag auch einen Marathon in Duisburg geben sollte. Vielleicht kann man sich ja noch nachmelden…?

Auf dem Weg zum Auto begegnete mir mein Bekannter Antonio, der heute mit seinem Lauftreff den Halbmarathon gelaufen wäre. Und er erzählte mir von Freunden, die wohl schon in Duisburg angerufen und geklärt hatten, dass eine Nachmeldung möglich sei. Spätestens jetzt stand für mich fest: Ich werde alles dafür tun, um morgen in Duisburg an den Start zu gehen. Sonst wäre die komplette Vorbereitung für die Mülltone gewesen. Nein, es gibt keine Alternative!

Noch ein Wort zum Santander-Marathon. Bis zur Absage, für die niemand etwas konnte und die wohl richtig war, hatte ich nur mit engagierten und freundlichen Menschen gesprochen, für die es eine Herzensangelegenheit war, einen Marathon durch Mönchengladbach zu veranstalten. Anreise und Ausgabe der Startnummern sowie die Aufbewahrung meines Kleiderbeutels funktionierten perfekt. Nun zu der Kehrseite, die sich in den sozialen Netzwerken schon andeutete: Es sollten bei einer Neuauflage unbedingt die Anwohner besser informiert und einbezogen werden. Einen Sonntag Morgen als Startzeit hätte ich mir auch als Läufer sehr gewünscht und es hätte wohl auch bei manchen Anwohnern mehr Verständnis erzeugt. Wie ich an anderer Stelle schon schrieb: keinem Läufer macht es Spaß, wenn er an unzufriedenen und verärgerten Menschen vorbei laufen muss… wenn die Veranstalter das beim nächsten Mal besser hinbekommen, dann bin ich auch wieder mit dabei.

Mittlerweile war ich zu Hause angekommen setzte mich sofort an den Rechner, um Anmeldeformulare für den Rhein-Ruhr-Marathon zu finden und auszudrucken. Plötzlich wurde mir klar, dass ich mich noch nie so spontan für eine Marathon-Strecke entschieden hatte wie in diesem Moment. Ich begann, mir den Streckenverlauf anzusehen und versuchte, mich mental auf Duisburg vorzubereiten und zu freuen. Den Wecker stellte ich auf 5 Uhr, damit ich mich äußerst rechtzeitig auf die Autobahn begeben konnte.

Am nächsten Tag war es dann so weit, ich machte mich im vernebelten Morgengrauen auf den Weg. Um kurz vor 7 Uhr traf ich an der (tief Luft holen) Schauinslandreisen-Arena in Duisburg ein. Übrigens völlig unkompliziert – Parkplätze waren „en masse“ vorhanden. Also rein ins Stadion und meine Situation erklärt, wo ich gut gelaunt und und quasi mit „offenen Armen“ empfangen wurde. Klasse! Die erste Hürde war geschafft! Nun wieder runter und schon mal die Kleiderbeutel-Abgabe vorbereiten – dachte ich. Aber im Foyer entdeckte ich plötzlich Martin, den ich schon seit 2007 kenne, aber vor einigen Jahren (noch bevor wir beide mit dem Laufen anfingen) aus den Augen verlor. Wie klein die Welt doch ist! Man trifft sich sieben Jahre später wieder und diskutiert plötzlich über Marathon-Strategien.

Ein von Daniel (@vy99) gepostetes Foto am

Dann ging es aber weiter zur Kleiderbeutel-Abgabe und an den Start. Zu Erst sah ich mir den Start die Inline-Marathonies an, die für die gleiche Distanz, wie ich sie laufe, nur etwas über einer Stunde benötigen. Es folgte die Marathon-Andacht von Pfarrer Jürgen Muthmann, einem ehemaligen Fußballspieler. Er fand die passenden Worte und viele waren sichtlich gerührt. Dann klopfte mir jemand auf die Schulter. Es war Patrick, der gestern eigentlich in Gladbach den Halbmarathon laufen wollte. „Hat es dich also auch nach Duisburg verschlagen?“ fragte ich und genau das war der allgemeine Tenor. Es waren nämlich generell sehr viele Läufer vor Ort, die das grandiose Angebot vom Veranstalter aus Duisburg angenommen hatten. Seitens des Moderators wurden „wir“ Gladbacher auch noch mehrmals herzlich Willkommen geheißen. Und das tat verdammt gut.

Nun aber zum Rennverlauf. Natürlich wollte ich meine für Mönchengladbach ausgedachte Taktik Eins zu Eins auf Duisburg übertragen. Meine Uhr hatte ich bereits passend programmiert. Nach dem Startschuss kam ich sehr gut weg und lief den ersten Kilometer haargenau in der Zeit, die ich mir vorgestellt hatte. Die Straßen in Duisburg waren gut ausgebaut und abgesperrt. Es machte Spaß, durch die Stadt zu laufen. Das Wetter spielte zu diesem Zeitpunkt auch noch sehr gut mit. Es waren noch unter 20 Grad, der Nebel hielt die Sonne ein wenig von uns Läufern fern. Nur die erhöhte Luftfeuchtigkeit war schon ganz gut zu spüren. Aber ich war im optimalen Pulsbereich und auch die Geschwindigkeit hielt ich konstant im geplanten Segment. Ich entdeckte den Duisburger Hauptbahnhof, den ich ansonsten nur aus einer ganz anderen Perspektive kenne. Lief durch Unterführungen durch, was meinem GPS ganz schön zu schaffen machte. Und bog dann ab Richtung Innnenhafen. Ab hier wurde es ein wenig industrieller, aber das mag ich so sehr am „Pott“. Ohne meine Zeit aus den Augen zu verlieren, ließ ich die Blicke schweifen und entdeckte Duisburg, das ich bisher immer für grau und langweilig hielt, auf eine ganz neue Art und Weise. Bei Kilometer 7 war ich an der Stelle, an dem die Ruhr vom Rhein abzweigt. Neben mir lagen der Hafenkanal mit Kohle- und Schrottinsel. Im weiten Bogen ging es nach Meiderich, wo mein Puls sich zum ersten Mal kurz in den roten Bereich erhöhte. Bis Kilometer 19 konnte ich aber trotzdem konstant und weitestgehend im ruhigen Pulsbereich laufen, aber danach musste ich zum ersten Mal an diesem Tag einsehen, dass es doch kein guter Tag für eine neue Bestzeit ist. Ab Kilometer 21 lief ich nur noch im höchsten Pulsbereich. Mittlerweile hatte ich zum zweiten Mal den Rhein überquert und befand mich in Hochfeld. Die beschaulichen Straßenzüge mit vielen freundlichen Menschen, die mir zujubelten, spornten mich immer weiter an, doch noch mal alles zu geben. Es gab unzählige Getränkestellen, auch von freiwilligen Helfern, und nicht zu vergessen sind die Wasserduschen, die überall spontan eingerichtet waren. Dieser Zuspruch und die spontane, herzliche Hilfe – das ist für mich typisch Ruhrpott. Ich liebe es!

Nur ein Beispiel für die angesprochene Hilfsbereitschaft: Als ich an einer Getränkestelle Wasser haben wollte, erwischte ich versehentlich einen Iso-Drink. Halb so schlimm, aber dann kam mir plötzlich ein Helfer hinterher, der mir einen Becher in die Hand drückte, mit den Worten: „Hier, dat Wasser krisse auch noch!“ Umgekehrt gab es immer wieder Situationen, bei denen ich den Helfern zu“prosten“ oder mit ihnen abklatschen konnte. Ich denke, es war ein Geben und Nehmen, das beiden Seiten große Freude bereitete.

Aber dann kam bei Kilometer 30 zum ersten Mal der Punkt, an dem ich merkte, dass es nicht mehr nach Plan lief. Ich erreichte meine geplanten Kilometerzeiten einfach nicht mehr, da konnte ich machen, was ich wollte. Nun begann ich zu rechnen und dachte mir: „Wenn du jetzt keine 6er-Pace dazwischen haust, sollte es eigentlich trotzdem noch für ne neue Bestzeit reichen!“ Ich verrechnete mich aber. Das sind die Zeitpunkte beim Marathon, wo ich gewisse Grundfunktionen meines Körpers verliere, weil die komplette Energie und Koordinationsfähigkeit in meinen Beinen zu stecken scheint. Ich schaffte es zwar bis zum Ende wirklich noch, keinen Kilometer in über 6 Minuten zu laufen, aber wirklich tolle Zeiten waren nun auch nicht mehr dabei. Dazu noch bei Kilometer 38 bzw. 40 zwei endlos lange Straßen, die meine Beine immer schwerer werden ließen. Irgendwann hatte auch ich es realisiert, das heute einfach keine Bestzeit möglich war. Ich lief ins Stadion ein, genoss meinen Zieleinlauf und freute mich über ein paar Minuten Zeit, die ich auf dem Rasen des künftigen Drittligisten verbringen durfte. Leider war mein Erdinger Alkoholfrei viel zu weit weg – nämlich außerhalb des Stadions. Die Strecke dorthin war ein gefühlter zweiter Marathon. Ich war richtig platt.

Das reine Ergebnis kann mich nicht zufrieden stellen. Aber bei den Witterungsbedingungen (mein Auto zeigte mir später 28°C an) nicht aufgegeben zu haben, das war schon großes Kino. Viel Erfahrung gewonnen fürs nächste Mal, wo ich erst mal nur versuchen werde, meine Bestzeit zu bestätigen, anstatt mich direkt um 10 Minuten verbessern zu wollen. Und Duisburg hat mir menschlich aber mal so richtig was gegeben. Ich bin zwar eigentlich zu ehrgeizig, um zuzugeben, dass mir das heute mal wichtiger ist als eine neue Bestzeit, aber… doch. Und wenn ich das Wochenende revue passieren lasse, dann entdecke ich Kontraste. Auf der einen Seite das Event mit dem großen Hauptsponsor im Vordergrund und Musik im Fokus. Auf der anderen Seite eine Veranstaltung mit der rein sportlichen Herausforderung. Ich denke, es gibt am Ende eine Berechtigung für Beides. Und weil Mönchengladbach abgesagt wurde, werde ich hier kein abschließendes Fazit ziehen – das wäre am Ende unfair.

Mein Rhein-Ruhr-Marathon bei Polar Flow:
https://flow.polar.com/training/analysis/623616398

Webseite des Veranstalters:
http://www.rhein-ruhr-marathon.de/

Ergebnisliste meines Laufs:
Hier

Mein Ergebnis / Urkunde:
Hier

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