Santander-Marathon Mönchengladbach 2017

Glücklich über die Premiere des Laufevents in der Vitusstadt mit einem Jahr Verzögerung, aber auch nachdenklich – der Versuch einer Bestandsaufnahme.

Im letzten Jahr wollte ich unbedingt beim ersten Santander-Marathon in Mönchengladbach dabei sein und auch gleich die volle Distanz laufen. Damals wurde ja wegen einer Gewitterwarnung bekanntlich nichts aus diesem Vorhaben, so dass ich kurzfristig einen Tag später in Duisburg antrat. Schon kurz nach der Absage sicherte der Veranstalter uns Läufern jedoch einen Freistart für 2017 zu. Dieses Angebot nahm ich gerne an, auch wenn ich wegen der stark veränderten Streckenführung keinen Marathon mehr in Gladbach laufen wollte. Ein „Downgrade“ auf den Halbmarathon war problemlos möglich.

Bereits vor meiner – eher kurzen – Anreise aus Viersen nach Mönchengladbach stand fest, das Bestzeiten heute keine Rolle spielen würden. Erstens hatte ich bei meinem zehntägigen Urlaub auf Mallorca ausschließlich kürzere Einheiten absolviert und zweitens bin ich bei Temperaturen über 20 Grad auch einfach nicht mehr in der Lage, Bestzeiten zu laufen. Meine Taktik sollte trotzdem sein, mit einer „Bestzeiten-tauglichen“ Pace zu starten und dann einmal zu schauen, was geht.

Die Anreise zu den auf der Homepage beschriebenen Parkplätzen am „SMS Business Park“ gestaltete sich unkompliziert, was aber auch daran lag, dass wir äußerst früh vor Ort waren. Die letzten paar hundert Meter bis zum Veranstaltungsgelände am Geropark konnten wir zu Fuß zurücklegen. Nun also zu Erst mal die Startunterlagen abholen, bei der im Vorfeld (ungewöhnlicherweise) darum gebeten wurde, die Anmeldebestätigung ausgedruckt mitzubringen. Und sie wurde auch tatsächlich verlangt! „Wie heißen Sie denn?“ fragte mich die nette Dame, wohl, um nach Durchsicht meiner E-Mail quer zu checken, ob ich auch wirklich derjenige bin, dem die Unterlagen zustehen. Ich nannte meinen Namen und fragte, ob denn der Kleiderbeutel in dem Umschlag sei. „Kleiderbeutel? Haben Sie denn einen bestellt?“ Fragende Augen blickten einander an. Ich öffnete den Umschlag und entdeckte – den Kleiderbeutel. War das also auch geklärt.

Von anderen Veranstaltungen dieser Größenordnung bin ich es gewohnt, dass mein Kleiderbeutel bereits mit meiner Startnummer beschriftet ist oder dass ich einen Aufkleber mit meiner Startnummer bekomme, den ich auf den Beutel klebe. Beides war hier nicht der Fall. Also schrieb ich meine Startnummer mit einem mitgebrachten Edding auf den Beutel und suchte die Kleiderbeutel-Abgabe. Die hieß hier „Garderobe“, aber im dazugehörigen Zelt sah ich nur Nummern bis 999 – wo also hin mit meinem Beutel für meine vierstellige Startnummer? Ich fragte nach und wurde aufgeklärt: „Nein nein, die Nummern haben mit Ihrer Startnummer nichts zu tun! Also, erst mal: Für Garderobe ist keine Haftung! Darauf müssen wir hinweisen. So, Sie bekommen jetzt eine Garderobenmarke.“ Ich staunte nicht schlecht! Wie unnötig, hat sich doch bei allen anderen mir bekannten Laufveranstaltungen das Prinzip „Startnummer = Kleiderbeutel-Nummer“ bestens bewährt. Nun denn. Mein fälschlicherweise vorbereiteter Kleiderbeutel wurde der Garderobiere übergeben und die Garderobenmarke mit der Nummer 006 befand sich nun in meinem Besitz. Mir wurde bewusst, dass ich sie mir beim Lauf höchstens hinter die Startnummer hätte pinnen können. Glücklicherweise war aber meine Freundin mit dabei und übernahm die Aufbewahrung des für den Rückerhalt meiner persönlichen Devotionalien notwendigen Dokumentes.

Bis zum Start waren es noch über anderthalb Stunden, also drehten wir eine Runde über das Veranstaltungsgelände und entdeckten meinen ehemaligen Arbeitskollegen Lars, der mit seinem Fahrradverein heute die ersten und letzten Läufer begleitete. Auch das war unüblich für einen Lauf in dieser Größenordnung: Bei allen drei Wettbewerben (10km / HM / Marathon) wurden die jeweils ersten drei Läufer beider Geschlechter von jeweils einem Fahrrad begleitet. Zusätzlich fuhr pro Wettkampf ein „Spitzenfahrrad“ davor und am Ende gab es noch jeweils ein „Besenfahrrad“. Das macht nach meiner Rechnung in der Summe 24 Begleitfahrräder und übertrifft damit wahrscheinlich sogar die Dimensionen des Berlin-Marathons.

Vor dem Start traf ich mich noch mit Marcel und Patrick, die ich beide von Firmenläufen aus dem „BARMER“-Team kenne und zu meinen langjährigen Weggefährten zählen darf. Im Startblock trafen wir dann noch auf Martin, ein guter alter Bekannter, den ich letztes Jahr beim Duisburg-Marathon zufällig nach mehreren Jahren wieder getroffen hatte. Martin war heute im wahrsten Sinne des Wortes als „rasender Reporter“ unterwegs, denn er ist von Beruf Radiomoderator, der heute nicht nur einen Halbmarathon lief, sondern auch Stimmen fürs Lokalradio sammelte.

Patrick und ich stellten uns vor die 1:30-Pacemaker in den Startblock, was ziemlich weit vorne war und sich irgendwie komisch anfühlte, denn wir waren beide gewiss nicht in der Form, heute das Feld anzuführen. Aber dann brachten sich die Fahrradfahrer in Formation und kurz darauf ertönte auch schon der Startschuss. Ein Feld von ca. 20 Personen lief vor uns, wobei von hinten nicht erkennbar war, ob sie der Marathon- oder Halbmarathon-Fraktion angehörten, da beide Distanzen zeitgleich und im gleichen Feld starteten. Patrick und ich liefen erst nebeneinander und wechselten uns dann in der Führung ab. Nach den ersten Kilometern ließ er mich dann ziehen und ich setzte den Lauf alleine fort.

In Windberg erwartete die Läufer die erste Stimmungshochburg, und hier muss man wirklich von „Venloop-ähnlichen“ Verhältnissen sprechen. Die Musik war laut und gut, La-Olas wurden angestimmt und Läufer abgeklatscht. Klasse! Nun erinnerte ich mich daran, warum mir dieser Lauf einst so viel bedeutete: Mönchengladbach war und ist „meine“ Stadt. Hierhin bin ich schon als kleines Kind immer mit meiner Oma oder meiner Mutter zum Einkaufen gefahren. Hier bin ich mit 11 Jahren zum ersten Mal zum Fußball gegangen und bin meiner Borussia bis heute treu. Mönchengladbach ist eine Herzenssache. Und nun lief ich direkt auf den altehrwürdigen Wasserturm zu. Wenn das Onkel Richard noch sehen könnte!

Es wurde zwar etwas ruhiger, aber die Straßen wurden immer breiter. Am Wasserturm vorbei, gelangte ich auf die Route, die mich schnurstracks in die Innenstadt, zum Alten Markt, führte. Auf der Hindenburgstraße waren wieder viele Menschen unterwegs und feuerten mich an. Von links rief einer: „ASV Süchteln!“ Das Gefälle, es war auf dem gesamten Rundkurs das Einzige, tat den Beinen gut. Anschließend wurde die Bismarckstraße in beide Richtungen belaufen, mit einer Schleife um den Schillerplatz. Auch hier war ordentlich was los. Kurz nachdem ich auf der Bismarckstraße meinem Vereinskameraden Ulrich entgegen kam und abklatschte, passierte jedoch etwas, was mir bis dahin noch nie passiert ist: Ein Rettungswagen kreuzte während des Wettkampfes meinen Laufweg. Was tun? Vor und hinter mir war kein weiterer Läufer, es lag also komplett in meiner Hand, entweder noch schnell durchzulaufen oder anzuhalten. Ich entschied mich natürlich dazu, kurz zu warten. Im Zweifelsfall geht es hier um ein Menschenleben, was wichtiger ist, als 10 Sekunden meiner Wettkampfzeit. Ich stoppte also und signalisierte dem Fahrer per Handzeichen, dass er fahren kann. Danach konnte ich wiederum „Fahrt“ aufnehmen und der Lauf ging weiter über den Bismarckplatz, von dem es auch nicht mehr weit war zum Start/Ziel am Geroplatz. Vorher musste noch eine Weiche durchlaufen werden, die gleich dreifach trennte, nämlich Halbmarathonis, Marathonis und Zieleinläufer. Nach dem auch diese Hürde genommen wurde, wartete die identische Strecke noch einmal auf mich. Während in Windberg die Stimmung noch einmal getoppt werden konnte, wurde es auf dem Rest der Strecke zunehmends ruhiger. Ich konnte mich – auch aufgrund der Temperaturen – nicht mehr für schnellere Geschwindigkeiten motivieren und taumelte den 4:30min/km entgegen, was auch bedeutete, dass mein Minimalziel von 1:30h mehr und mehr in Gefahr geriet. Erst jetzt fiel mir außerdem auf, dass man wohl die Kilometermarkierungen für die zweite (dritte, vierte) Runde vergessen hatte – oder aber jemand vom Organisationsteam war der Ansicht, im Zeitalter von GPS-Uhren brauche man so etwas nicht mehr.

Ganz in Gedanken war ich wieder auf der Bismarckstraße unterwegs, als mich von hinten die 1:30er Pacemaker überholten. Jetzt wurde es wirklich kritisch. Wenn ich an denen nicht dran bleibe, war es das wirklich für heute mit meinem Minimalziel. Jetzt gab ich noch mal alles und blieb bei den beiden Jungs, die nach ein paar weiteren Kilometern auch Kontakt mit mir aufnahmen und ich signalisierte, dass ich auf jeden Fall dran bleiben will. Zum Ende hin zogen sie das Tempo noch mal an – und ich blieb dran, gemeinsam überholten wir sogar noch einen Läufer. Völlig entkräftet kam ich im Ziel an, bedankte mich bei meinen beiden „Helden des Tages“ und konnte zufrieden sein mit meiner Nettozeit von 1:29:04. Für mehr hat es an diesem Tag einfach nicht gereicht wegen des Wetters und den kleinen fiesen Anstiegen (die Uhr hat zwar „nur“ insgesamt 70 Höhenmeter gemessen, die sich aber fies über die gesamte Strecke zogen). Außerdem fehlte es neben spezifischen Training auch ein bisschen an Motivation, nachdem ich meine Halbmarathon-Bestzeit in diesem Jahr ja schon beim Venloop verbessert habe.

Im Ziel erhielt ich meine Medaille und suchte instinktiv nach einem kühlen alkoholfreien Weizen. Was ich fand, war ein warmes Tetra-Pak-Wasser, einen Energieriegel und einen Apfel. Immerhin waren ausreichend und gute Duschen vorhanden. Danach wollte ich meine Urkunde abholen, aber das hätte 50 Cent gekostet – was soll denn der Geiz? Auch wenn man sich mittlerweile seine Urkunden problemlos zu Hause ausdrucken kann; ich finde, so ein Dokument gehört einfach dazu. Okay, ich bin aufgrund der Ereignisse von letztem Jahr kostenlos dabei gewesen und einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul. Aber andere haben Anmeldegebühren von bis zu 75 Euro hingeblättert – exklusive Weizen und Urkunde. Nach einer Runde Small Talk mit meinen zahlreich anwesenden Bekannten traten wir ein wenig enttäuscht den Heimweg an.

Zu Hause angekommen, bekam ich mit, wie bei Facebook die Gemütslage mancher Mönchengladbacher Anwohner eskalierte. Im Großen und Ganzen war davon die Rede, dass man wegen des Marathons Stunden im Stau stand oder sein zu Hause mit dem Auto nicht erreichen konnte. Oft wurde die Sinnfrage gestellt, also: „Warum muss so eine Veranstaltung Samstags Nachmittags stattfinden?“ und „Könnt ihr nicht einfach im Wald laufen?“

Oder anders gesagt:

Obwohl es nichts mehr mit dem Lauf zu tun hat, ist es mir eine Herzensangelegenheit, diese ganze Sache aufzuarbeiten und meine Standpunkte zu erläutern.

Stichwort „Streckenführung / Absperrungen“: Ich habe noch nie einen Lauf organisiert und war auch noch nie für Streckensperrungen verantwortlich – zum Glück. Einer meiner schlimmsten Alpträume beim Laufen ist der, das ich mit meinem Hobby irgendjemandem zur Last fallen oder jemanden behindern könnte. Genau das ist in Mönchengladbach aber passiert. Große Staus sind entstanden, Menschen waren verärgert, weil sie nicht an ihr Ziel kamen. Trotz einem Jahr Vorbereitung und Vorankündigung ist in Mönchengladbach mein persönlicher Super-GAU eingetreten. In anderen Städten, in denen ich bisher gelaufen bin (also z.B. Köln, Duisburg, Bonn, Gelsenkirchen) ist das aber nicht passiert oder es ist nicht bis zu uns Läufern vorgedrungen. Warum? Zum Einen, weil in den anderen Städten bereits seit Jahren Marathon gelaufen wird und sich alle Beteiligten an die Prozedur gewöhnt haben. Und zum Anderen kann ich mir sehr gut vorstellen, dass es von den Straßenverhältnissen her einfach Städte gibt, die für so eine Veranstaltung besser geeignet sind als andere. Vielleicht muss man irgendwann auch zu dem Schluss kommen, das ein Marathon nicht nach Mönchengladbach passt.

Und warum laufen wir nicht einfach im Wald? Weil wir Straßenläufer sind! Weil wir schon das ganze Jahr über im Wald trainieren, wo uns niemand sieht und wo wir niemandem zur Last fallen! Und weil wir es genießen, uns bei solchen Wettkämpfen wenigstens einer kleinen Öffentlichkeit zur Schau zu stellen, die unsere Leistungen mit Applaus oder durch Anfeuern anerkennt.

Stichwort „Startzeit“: Samstags Nachmittags zu starten, findet niemand gut. Punkt! Wir Läufer bekommen in der Nachmittagshitze Probleme, die Gefahr von Kreislaufproblemen ist höher. Man muss darauf achten, mehr zu trinken und erreicht nie im Leben eine Bestzeit. Der komplette Tag geht für den Wettkampf drauf, die letzten Marathonies kommen erst bei Dunkelheit ins Ziel. Die Anwohner wollen (erst Recht vor einem Feiertag!) Einkäufe erledigen oder zum Bummeln in die Stadt fahren. Sonntags Vormittags ist ein idealer Startzeitpunkt, an den man sich durch die vielen anderen Wettkämpfe als Läufer bereits gewöhnt hat. Der Veranstalter schreibt aber, man möchte mit diesem Termin Menschen in die Stadt holen und den Lauf mit den Parties verknüpfen. Aber interessiert mich das als Läufer (Stichwort: Regeneration) oder als Anwohner (der eh schon genervt von den Sperrungen ist)?

Stichwort „Anwohner“: Der Veranstalter sagt, man hätte die Anwohner ausreichend informiert – das glaube ich ihm auch. Aber wieso dann diese kollektive Unzufriedenheit bis hin zum blanken Hass auf die Läufer? Ein großes Problem ist Facebook an sich. Da finden sich vielleicht 200-300 Menschen, die unzufrieden sind und bekommen eine riesige Plattform in Form von Kommentar- und Bewertungsmöglichkeiten kostenlos zur Verfügung gestellt. Im Gegenzug gab es aber allein schon ca. 3.000 mehrheitlich zufriedene Läufer und unzählige Menschen, die am Streckenrand gestanden und angefeuert haben. Ich möchte die individuellen Probleme, die an diesem Tag entstanden sind, nicht klein reden. Darunter befinden sich Dinge, die nicht gehen und fürs nächste Mal gelöst werden müssen! Aber man muss die Menge der Kommentare in einer gewissen Relation zur „schweigenden, neutralen bis zufriedenen Masse“ sehen.

Im kommenden Jahr geht der Santander-Marathon in Mönchengladbach in die nächste Runde. Ob ich dort noch einmal antrete, hängt davon ab, ob es eine angemessene Verpflegung im Zielbereich gibt, ob die Kilometer durchgehend (1-42!) markiert sind, ob die Urkunden kostenlos ausgehändigt werden, ob die Startzeit läufer- und anwohnerfreundlich gewählt wird und ob die Absperrungen und Umleitungen so gestaltet sind, dass man als Läufer mit einem guten Gefühl seinen Mitmenschen gegenüber an den Start gehen kann. Der diesjährige Santander-Marathon war in der Summe leider keine gute Werbung für diesen wundervollen Sport. Ich würde mich freuen, wenn wir das Bild im nächsten Jahr gemeinsam wieder gerade rücken könnten.

Mein Santander-Marathon bei Polar Flow:
https://flow.polar.com/training/analysis/1436751346

Webseite des Veranstalters:
https://santander-marathon.de

Ergebnisse:
Hier

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Eine Antwort auf „Santander-Marathon Mönchengladbach 2017“

  1. Das mit den „Kleiderbeutelnummer nicht gleich Startnummer“ fand ich auch schon sehr verwirrend. Die Uhrzeit war für so eine Distanz ist auch eher ungewöhnlich, genauso wie das ganze auf nen Samstag zu legen. Und das, wie du schon geschrieben hast, an nem Feiertagswochenende.
    Die Verpflegung auf der Strecke und am Ziel, mit dem warmen Iso und dem warmen Wasser war auch nicht so dolle. Aber naja, es war ja der erste Lauf und ich hoffe es wird daraus das richtige Fazit fürs nächste Mal gezogen. Und hoffentlich sehen wir uns dort 🙂

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