Ein Ausflug in die Main-Metropole, der so gar nicht geplant war.

Denn bis vor einem Monat ging ich eigentlich noch davon aus, meinen zehnten Marathon am Bodensee zu laufen. Anderthalb Wochen Urlaub waren geplant, die Koffer gepackt, Svenja und ich freuten uns auf ein paar schöne Tage in Bregenz und Umgebung. Doch noch am Tag vor der Abreise machte sich in mir ein ungutes Gefühl breit. Laufende Nase, Halskratzen, Abgeschlagenheit und Erschöpfung waren keine guten Vorboten für unsere Pläne. Ich kaufte mir Grippostad C in der Apotheke und dachte, es sind ja noch ein paar Tage hin, das wird schon werden. Am Tag darauf fuhren wir Richtung Österreich, holten die Startunterlagen auf dem Weg dorthin in Lindau ab und bezogen unser Quartier, welches wir erstmals über Airbnb buchten.

Als die Beschwerden am Samstag immer noch nicht nachließen und ich selbst bei einem Spaziergang durch die Bregenzer Innenstadt außer Puste geriet, musste ich eine Entscheidung treffen, die nur lauten konnte: „Ich laufe nicht“. Der Traum vom Dreiländer-Marathon und einer neuen Bestzeit war geplatzt. In Bregenz traf ich jedoch auch sofort eine weitere Entscheidung: die ganze harte Vorbereitung muss einen Sinn gehabt haben. Also muss es auch einen Plan B geben! Zur Auswahl standen noch Marathons in München, Amsterdam und Frankfurt. München war zeitlich zu nah dran, Amsterdam war bereits „dicht“ – also Frankfurt. Passte von der Entfernung her auch ganz gut. Noch vor dem Startschuss am Sonntag fuhren wir wieder nach Hause, denn Bregenz bot uns nicht mehr viel, wenn man sich ohnehin vor Erschöpfung kaum bewegen konnte.

Die Vorbereitung

Zwischen Bregenz und Frankfurt lagen genau drei Wochen, die ich aber erst einmal damit verbrachte, meine Erkältung auszukurieren. So etwas braucht (leider) Zeit, sonst nichts. Meine Grippostad C brachten mir rein gar nichts, die lindern nur die Symptome, aber die Krankheit bleibt im Körper. Erst anderthalb Wochen nach dem ersten Auftreten der Symptome war an Laufen wieder zu denken, aber auch das war zu früh. Nach fünf anstrengenden Kilometern in 30 Minuten musste ich einsehen, dass ich noch längst nicht so weit war. Auch einen Tag später versuchte ich noch mal acht Kilometer, bekam auch eine recht normale Pace hin, fühlte mich aber anschließend wieder wie vom LKW überfahren. Ich gönnte meinem Körper zwei weitere Tage Pause und dann, 14 Tage nach meinem letzten regulären Vorbereitungslauf, bekam ich eine Einheit mit dem Lauftreff in annähernd normaler Verfassung hin. Nun wollte ich in die Vollen gehen, da es auch nur noch eine Woche bis Frankfurt war. Als einzigen Härtetest wählte ich eine 30-Kilometer-Route rund um meine Heimat Süchteln herum. Mic erklärte sich erneut bereit, mich auf dem Fahrrad zu begleiten, so dass ich jederzeit abbrechen konnte. Aber es ging am Ende so gut, dass ich die letzten fünf Kilometer in geplanter Marathon-Wettkampfpace laufen konnte, was mir viel Sicherheit für die anstehende Herausforderung gab.

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Vor meiner Erkrankung habe ich mich natürlich auch schon auf den Marathon vorbereitet, und das nicht zu knapp. Ich begann bereits Anfang Juni mit der Vorbereitung, was damit die längste Marathon-Vorbereitung überhaupt für mich war. Mit 5 Läufen über 25 Kilometer, 5 Läufen über 30 Kilometer und 3 Läufen über 35 Kilometer absolvierte ich so viele lange Läufe wie in keiner Marathon-Vorbereitung zuvor. Als gefühlt alle anderen Läufer den Berlin-Marathon liefen, fühlte ich mich an einem Punkt, an dem ich nun auch unbedingt laufen wollte. Bereits ein paar Wochen vorher war ich demotiviert und mental nicht mehr auf der Höhe. Ein klares Zeichen davon, dass die Vorbereitung zu lang und vielleicht auch zu intensiv war. Notiz an mich: 100 Wochenkilometer sind auf lange Sicht kein erstrebenswertes Ziel.

Vor dem Lauf

Nun fuhren Svenja und ich also erneut über die A3 Richtung Süden, dieses Mal nur bis Frankfurt. Ich überlegte vorab kurz, ob ich aus der Geschichte einen Tagestrip machen soll, wollte mir dann aber doch eine Nacht am Ort des Geschehens gönnen und fand ein günstiges und (wie sich vor Ort herausstellte) extrem modernes, sauberes Hotel in recht guter Lage. Wir kamen am Samstag Nachmittag dort an und begaben uns sofort auf die Marathon-Messe, um schnell die Startnummer abzuholen. Anschließend hätte ich gerne noch ein Event-Shirt erstanden, das war aber leider in meiner Größe bereits ausverkauft.

Abends legte ich die Kleidung zusammen und checkte den Wetterbericht, wo sich meine Vermutungen der letzten Tage leider bestätigten: Zum Start um 10 Uhr sollten es lediglich 4 Grad werden – es war also Zeit für mein „Winteroutfit“.

Am nächsten Morgen stand ich um 7 Uhr auf und begab mich eine Stunde später zur S-Bahn-Haltestelle. Über den Umsteigepunkt Hauptbahnhof, wo ich mir noch eine Brezel gönnte, gelangte ich schnell per U-Bahn zur Messe. Spätestens jetzt wurde mir klar, wie gut ich daran tat, eine wärmere Kleidung gewählt zu haben, da zu den eiskalten Temperaturen auch noch ordentliche Sturmböen aufkamen. Gemeinsam mit vielen anderen Läufern flüchtete ich zurück in die Messegebäude, wo ich mich in eine Ecke stellte und nicht schlecht staunte, als ich Joey Kelly erblickte, der sich neben einem Mülleimer kniend die Schuhe zuband. Irgendwann musste ich aber an die frische Luft, und wenn es auch nur den Grund hatte, sich an die Temperaturen zu gewöhnen. Über dem TechFit-Shirt trug ich zum Aufwärmen erstmals einen ausrangierten Pullover, der kurz vor dem Start an den Streckenrand geworfen wurde und hoffentlich noch in einer Altkleidersammlung Verwertung gefunden hat. Beim Warmlaufen gesellte sich dann Sebastian Gerhards zu mir, der heute ebenfalls das Ziel hatte, erstmals unter 3 Stunden zu laufen. Je dichter die Menschenmasse wurde, umso wärmer wurde es. Zeit für einen Startschuss.

Der Lauf

Ich befand mich wenige Meter hinter den 3h-Pacemakern und hatte sofort das Ziel im Kopf, sie zu überholen, sobald sich die Gelegenheit ergeben würde. Erst einmal wollte ich mich aber etwas „frei laufen“, denn das Teilnehmerfeld war extrem dicht beieinander und die Straßen auf den ersten Kilometern teilweise relativ schmal. So wurde ich mehrmals regelrecht ausgebremst oder auch von hinten angeschoben und konnte nicht frei entscheiden, wie schnell ich laufen wollte. Nach zwei Kilometern sah ich auf meiner Uhr einen Puls von 170 – Schock! War ich vielleicht doch noch nicht gesund? Ich beschloss, meine Herzfrequenz auf jeden Fall im Blick zu behalten und war dann beruhigt, als ich sah, dass sie sich bei diesem Wert einpendelte. Vermutlich waren meine Unruhe durch das dichte Teilnehmerfeld, die Temperaturen und die Angst, meine Krankheit nicht ordentlich auskuriert zu haben, Gründe für diese doch recht hohe HF.

An der ersten Getränkestelle kam es, wie es kommen musste: dichtes Gedränge, Läufer, die teilweise stehen bleiben mussten, Chaos. Dabei waren die Verpflegungsstationen eigentlich ganz gut organisiert: Hinweisschilder 200 Meter vorher und am Ende, ausreichend Personen. Aber: Verpflegung war immer nur einseitig vorhanden, wodurch sich die Läufer nicht verteilen konnten und die Getränke wurden mehrheitlich nur auf den Tisch gestellt und mussten von den Läufern geholt werden. Dafür waren die Stationen auch alle recht kurz, so dass man, wenn man einen Becher verpasst hat, kaum noch Möglichkeiten für eine zweite Chance hatte. Auf diese Art und Weise verpasste ich mehrere Stationen komplett und musste bei einer auf Iso-Getränke ausweichen, obwohl ich lieber Wasser gehabt hätte. Zum Glück kam mir das Wetter diesbezüglich entgegen, so dass aufgrund der verpassten Verpflegung kein Drama entstand.

Nach den ersten Kilometern, die durchweg zwischen den beeindruckenden Wolkenkratzern Frankfurts absolviert wurden, führte die Strecke über den Main und erst einmal raus aus der City. Alle drei Kilometer konnte ich die Zeiten mit meinem selbst gebastelten Pace-Armband abgleichen und lag sehr gut im Rennen, was mir auch meine Uhr bestätigte. Ich lag eher auf 2:57er-Kurs, als dass ich mir Gedanken machen musste, ein ähnliches Dilemma zu erleben wie noch vor einem halben Jahr in Hamburg, als ich die 3-Stunden-Marke um ganze 3 Sekunden verpasste.

Entgegen meiner Hoffnungen, die Menschentraube um mich herum würde sich irgendwann entzerren, blieb der Pulk auch weiterhin sehr dicht beieinander, ein für mich ungewohntes und beklemmendes Gefühl. Ich konnte weiterhin kaum meine eigene Geschwindigkeit laufen und erlebte an beinahe jeder Verpflegungsstation ein neues Dilemma. Immerhin spürte ich den Wind nun fast gar nicht mehr und die Temperaturen waren, einmal warm gelaufen, auch in Ordnung.

Kurz vor Kilometer 19 entdeckte ich erwartungsgemäß Svenja am Streckenrand, die direkt vom Hotel zu diesem Punkt kam. Nun lief es für mich auch etwas entspannter, obwohl immer noch viele andere Läufer um mich herum waren. Kurz darauf wurde einer Läuferin, die sich direkt neben mir befand, ein wichtiger Tipp aus dem Zuschauerkreis gegeben. Es war wahrscheinlich ihr Trainer, der ihr zurief, sie soll nur an den 3h-Pacemakern vorbei laufen, davor sei alles frei. Auch für mich war es eine Motivation, das zu hören. Die besagten Pacemaker waren tatsächlich seit dem Start ungefähr 50 bis 100 Meter vor mir und ich hatte immer noch keine Gelegenheit, sie zu überholen. Ich könnte über den Bürgersteig an passender Stelle zu einem Sprint ansetzen, würde aber damit riskieren, wichtige Energie zu verbraten, die mir dann am Ende fehlen würde. Ich beschloss, mir das noch bis Kilometer 38 zu verkneifen und dann alles zu versuchen.

Aber bereits bei Kilometer 35 merkte ich, dass mir langsam die Körner ausgingen. Ich will nicht vom „Mann mit dem Hammer“ sprechen, aber statt 4:13min/km nur noch 4:28min/km auf den Asphalt zu bringen, war schon spürbar. Dazu fiel mir das Laufen auch merklich schwerer. Vielleicht lag es an der etwas verkürzten Saltindiät, vielleicht an dem ganzen anderen Stress, wer weiß… plötzlich rückte die 2:57h als Zielzeit in weite Ferne und ich musste doch noch rechnen, ob mit meinem Minimalziel, unter 3 Stunden zu bleiben, alles in Ordnung blieb. Der letzte Kilometer war mental enorm schwierig. Ich hatte zwar endlich Platz, so dass ich frei laufen konnte, aber mein Kopf wollte einfach nur noch Feierabend haben, von den Beinen ganz zu schweigen. So waren die 3h-Pacemaker mittlerweile uneinholbar aus meinem Blickfeld verschwunden und ich war nur noch damit beschäftigt, auszurechnen, wie viel Gas ich geben muss, um sicher unter 3 Stunden ins Ziel zu kommen.

Doch dann kam endlich das Kilometerschild mit der „42“, nun waren es nur noch zwei Kurven bis in die Festhalle. Ich konnte meine Pace noch mal steigern und letzte Kräfte mobilisieren. Der Eingang in die Halle rein kam mir total klein vor und es überkam mich eine gewisse Furcht vor dem, was mich drinnen erwarten könnte. So einen „Indoor“-Zieleinlauf habe ich noch nie erlebt. Drinnen erwarteten mich noch einmal viele langsame Läufer, die die letzten Meter Richtung Ziel trabten, aber auch eine atemberaubende Lichtershow. Ich bahnte mir den Weg außen entlang, kam dort am Moderator vorbei, der mit mir abklatschte und überquerte die Ziellinie. Erst dann sah ich wieder auf die Uhr, und so knapp, wie ich dachte, war es dann gar nicht: 2:59:05h! Sub3 geschafft! Wow!

Schnell verließ ich die Festhalle wieder, denn ich wollte unbedingt etwas essen und trinken. Zuvor bekam ich aber noch meine verdiente Medaille. Die Verpflegungsmeile in Frankfurt ist sicher eine der Besseren, kommt aber leider nicht an Köln oder Bonn heran. Immerhin gab es drei Sorten Bier zur Auswahl und einige Leckereien zu essen.

Anschließend holte ich meinen Kleiderbeutel ab und wollte duschen gehen, hier gab es aber das Problem, dass nur manche Duschen funktionierten, was mich bestimmt eine halbe Stunde gekostet hat. Egal. Stolz und Glück überwogen heute und mich konnte nichts aus der Fassung bringen.

Anschließend nahm Svenja mich in Empfang, es gab einen Burger zur Belohnung und wir stellten fest, dass mein Erfolg zu Hause nicht unbemerkt bliebt. Viele Freunde und Bekannte gratulierten mir auf allen erdenklichen Kanälen. Ich erfuhr, dass mein Zieleinlauf live im HR zu sehen war. Mit so viel Feedback habe ich nicht gerechnet und ich kann gar nicht so oft „Danke“ sagen, wie mich diese Resonanz auf meine Leistung gefreut und berührt hat. Allein dafür lohnt es sich, an den Start zu gehen und weiter zu machen!

Danke an…

  • …Svenja, dafür, dass du immer dabei bist, deine Freizeit opferst und das alles mitmachst. Ich liebe dich!
  • …unsere Familie: Eltern, Schwiegereltern und „Schwieger-Großeltern“ sowie Schwager und Schwägerin „in spe“ – einfach alle, die sich den ganzen Zirkus Sonntags morgens im Fernsehen ansehen
  • …meine Trainingskameraden vom Lauftreff des ASV Süchteln – eure Grundlagen-Einheiten sind Gold wert und eure Tipps sowieso. Wir sehen uns auf der Bahn!
  • …Mic für die gemeinsamen Läufe, das gute Zureden nach meinem „DNS“ und die Fahrrad-Begleitung. Bald „läuft’s“ auch wieder bei dir!
  • …Katja, dafür, dass du Mic so viele Stunden entbehrt hast. Ich fürchte, das könnte noch öfters passieren…
  • …Patrick H. ebenfalls für das gute Zureden und die gemeinsamen Läufe. Die „Sub3“ kommt auch bei dir noch, da bin ich ganz sicher!
  • …die Hügel-Helden – euer Zuspruch ist mir sehr wichtig, besonders der Anruf von Mike hat mich sehr gefreut. Ich freue mich schon auf die nächsten gemeinsamen Läufe mit euch!
  • …Sebastian G. für allzeit gutes Zureden an der Startlinie. Ich hoffe, wir haben noch viele gemeinsame Wettkämpfe. Bei 2:53 ist noch lange nicht Schluss!
  • …meine „Strava-Segment-Pacemaker“ Rüdiger und Micha – ohne euch würden Tempoeinheiten nur halb so viel Spaß machen!
  • …Marcel, Marie, Joachim, Michael H., Claudia, Tim, Bianca, Rene, Kathrin, Bastian, Mathias, Benjamin, Marc, Patrick D., Marita, Patrick S., Frank, Uli, Jana K., Jana G., Andreas, Ralf, Falko, Thorsten, Boris – einfach alle, die mir auf diversen Kanälen ein paar nette Worte dagelassen haben!
  • …und natürlich alle, die einfach einen Daumen nach oben da gelassen haben.

Presse

Webseite des Veranstalters:
https://www.frankfurt-marathon.com

Mein Ergebnis:
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